Novela-Sucht 🇧🇷 🇦🇹

Brasilien 🇧🇷 / Österreich 🇦🇹; Die Telenovelas gehören zu Brasiliens Alltagskultur wie der “Tatort” zu Österreich. Allerdings nicht erst am Sonntag ab 20:15 Uhr wie in Österreich üblich, sondern täglich. Dabei sind sie so beliebt, dass sie seit den frühen 1970er Jahren mehrmals täglich gespielt werden.

Aufgrund von Corona wurden jetzt auch alle Charaktere, die über 50 Jahre alt sind und damit der Hauptrisikogruppe angehören, aus den Skripten für die Aufnahmen in dieser Woche gestrichen. Am Freitag werden dann die Aufnahmen für alle Soaps eingestellt. Ab Montag nur mehr alte Folgen im TV gezeigt.

Die Geschichte der Telenovelas in Brasilien

Die Novela, wie im brasilianischen Portugiesisch genannt, hat ihren Ursprung in Kuba. Die Arbeiterinnen in den Zigarren-Manufakturen erzählten sich Geschichten. Diese Geschichten wurden 1930 erstmals in Form von Radionovelas aufgezeichnet. Im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts setzen sich die Erzählungen als Fortsetzungsromane durch, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Beispiele dafür sind etwa “Die drei Musketiere” von Alexander Dumas oder Charles Dickens sowie “Oliver Twist”.

Anfang der 1950er Jahre ging schließlich die erste Novela für das Fernsehen auf Sendung: “Sua vida me pertence” (“Dein Leben gehört mir”). Es ist die erste brasilianisch-kubanisch-mexikanische Koproduktion und flimmerte zweimal wöchentlich über die Bildschirme.

Die Ansätze vieler ProduzentInnen, die brasilianische Realität darzustellen , scheiterten in den ersten Jahren an fehlendem Kapital. Brasilianische Sender waren auf SponsorInnen angewiesen, welche vornehmlich kubanische, mexikanische und argentinische Storyboards produzierten. Der Regisseur Avancini setzte sich jedoch intensiv dafür ein, brisante Themen aus dem brasilianischen Alltag in die Drehbücher der Telenovelas zu bringen. Er wurde vor die Herausforderung gestellt, sich gegen die kommerziellen Interessen der SponsorInnen durchzusetzen. Diese ließen sich nur schwer von dem bisher praktizierten brasilienfernen Konzept abbringen. Im Jahr 1968 gelang schließlich der Durchbruch mit der Telenovela “Beto Rockfeller”. Diese Serie hatte ihren Schauplatz und Handlung in Brasilien und differenzierte sich vor allem durch die moderne Inszenierung von den bisherigen Novelas. Es wurde erstmals eine umgangssprachliche Ausdrucksweise verwendet und die Handlung beschrieb Situationen, in denen sich große Teile der ZuschauerInnen wiederfinden konnten. Die Modernisierung feierte große Erfolge und viele Sender folgten diesem Vorbild, indem sie nun auch Teile der brasilianischen Wirklichkeit darzustellen versuchten.

“Beto Rockfeller” handelt von einem jungen Schuhverkäufer, der sich unter gefälschtem Namen als Millionär ausgibt und somit in den oberen Gesellschaftskreisen verkehrt. Zur selben Zeit führt er jedoch sein Leben in der unteren Mittelschicht weiter, wodurch ein kompliziertes Doppelleben entsteht.

Als sich immer mehr Menschen für die Novelas zu interessieren begannen, ersetzten diese nach und nach andere Programme. Die Ausstrahlungszeit wuchs von ursprünglich 20 Minuten auf eine halbe Stunde und dann eine Stunde.

Seitdem haben die Novelas ihren Siegeszug angetreten und versammeln bis heute die Menschen zur besten Sendezeit vor den Fernsehgeräten. Sie sind in vielen Ländern verbreitet, doch nirgendwo haben sie ähnlichen Erfolg wie in Brasilien.

So schafft sich das Publikum eine überblickbare Welt. In einer Welt, in der es immer schwieriger wird, die diversen Geschehnisse einzuordnen und vor allem Vorhersagbarkeit zu liefern.

Peter Vitouch, Medienpsychologe

Tägliche Dosis verlässlicher Romantik

Täglich wird ein Kapitel ausgestrahlt, dessen Cliffhanger die ZuschauerInnen bis zum folgenden Tag fesseln soll. Ganz recht, Kapitel, weil die Novela ja, anders als die auf potenzielle Endlosigkeit angelegte Soap Opera, ein mehrmonatiger, auf das dramatische Ende zusteuernder Fernsehroman ist. In der Regel läuft sie zwischen vier bis zwölf Monaten. Im Gegenteil zur Seifenoper, die viele Handlungsstränge gleichwertig nebeneinander hat, ist der Serieninhalt der Novela einfach gestrickt: Die Handlung wird meist aus einer weiblichen Hauptfigur erzählt, aber auch verstärkt von jungen männlichen Akteuren. Der Aufbau ist stets ähnlich. Spannung, Emotionen, Geheimnisse und glückliche Momente sind das Salz in der Suppe. Am Ende siegt meistens die Hoffnung und die Liebe. Ein Happy End ist wie in einem guten Märchen vorprogrammiert.

Die Menschen haben in so schweren Zeiten das Bedürfnis, ein Märchen zu sehen.

Asli Tunc, Medienwissenschaftlerin

Die letzte Folge wird in Brasilien zweimal gesendet, am Freitag und am Samstag – damit keiner sie versäumt. Wochen davor erfährt man, an welchem Tag das vorletzte, an welchem das letzte Kapitel gesendet wird. Und wenn eine solche in das Finale steuert, sind die Straßen auffallend leer. So war es auch am 19. Oktober 2012, zur Ausstrahlung des letzten Teils der Novela “Avenida Brasil”. Die Einschaltquote lag bei sage und schreibe 70 Prozent. Am Folgetag berichteten die brasilianischen Zeitungen von einer “kollektiven Ergriffenheit”, WissenschaftlerInnen nannten das Phänomen eine “allgemein Katharsis”.

Das Schauen von Novelas ist ein Volkssport

Das Schauen von Novelas ist ein Volkssport, der bei BrasilianerInnen fast ungebrochen seit Jahrzehnten anhält. Wenn beispielsweise TV-SprecherInnen die Übertragung eines Bundesligaspiels ankündigen, sagen sie keine Uhrzeit, sondern dass das Spiel nach der Novela stattfindet. Es ist so wichtig, dass PolitikerInnen deswegen Wahlauftritte verschieben, weil ihr erhofftes Publikum gerade vor dem Fernseher sitzt.

Selbst Dilma Rousseff, die ehemalige brasilianische Präsidentin, hat ihren Terminkalender im Herbst 2012 dem Fernsehprogramm angepasst. Um 9 Uhr abends mussten ihre politischen Veranstaltungen beendet sein, weil sich die Massen vor dem Bildschirm versammelten um keine Folge von “Avenida Brasil” zu verpassen.

Die nahezu 180 Episoden von “Avenida Brasil”, die von März bis Oktober 2012 ausgestrahlt wurden, waren ein riesiger kommerzieller Erfolg, gekrönt von Rekordquoten und Millionen von Kommentaren in sozialen Netzwerken.

Novelas à la Hollywood

Die brasilianischen Telenovelas sind angeblich so gut, dass sie von manchen mit Superproduktionen aus Hollywood verglichen werden. Die Serie “Avenida Brasil” wurde für einen Emmy nominiert und in zahllose Länder verkauft. “Globo”, der drittgrößten Fernsehsender der Welt, ist bekannt für seine erfolgreichen Produktionen, die als Exportschlager auch ins Ausland verkauft werden.

Die erfolgreichste Telenovela aller Zeiten

Die erfolgreichste Novela aller Zeiten nennt sich “Escrava Isaura” (“Die Sklavin Isaura”), nach dem gleichnamigen Roman von Bernardo Guimaraes. Sie wurde 1976/1977 von Globo produziert und in insgesamt 95 Länder verkauft. In China war sie sogar die erste Sendung mit ausländischer Protagonistin im staatlichen Fernsehen und gehörte zu den ersten westlichen Sendungen, die im Ostblock gesendet werden durfte. Mitte der 1980er Jahre lief sie auch in Deutschland, allerdings kürzte man die Handlung von 100 Folgen auf nur 40 zusammen.

Ein brasilianisches Märchen, in dem ein junges Mädchen als einzige weiße Sklavin tapfer ihr Schicksal erträgt.

Wenn man die heutigen Erwachsenen nach ihren Kindheitserinnerungen an die Sklavin Isaura fragt, verbinden alle mit der Novela sehr positive Gefühle. Wird weiter nach dem realen Anspruch der Geschichte gefragt, könnte sie sich so für die meisten zugetragen haben. Die Figur der Isaura als einzige “weiße” Sklavin unter den “Schwarzen” kam den Leuten, mit denen ich sprach, nicht unrealistisch vor. Es wurde mit der “typischen” Verwechslung argumentiert (…). Kleinkinder werden durch eine böse und hinterhältige Intrige vertauscht und wachsen infolgedessen in armen Verhältnissen auf.

Jens Hildebrandt, “Ganz Brasilien glotzt Globo. Telenovelas in Brasilien – ein Vergleich mit Mexiko”, LIT Verlag

Novela ist nicht gleich Novela

Dass die Novelas in Brasilien mehr als unterhaltenden Zweck hatten und haben ist offensichtlich. Sie wirken volksbildnerisch, transportieren soziale Normen und formen kollektive Erinnerung und Identität mit. Die Geschichten dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern fungieren zudem als Verbreitungsmittel moderner Ideen und neuer Ansätze. Es geht um Rache, Intrigen, Habgier, Lügen, Macht, Klischees, Liebe, aber auch historische Geschichten oder gesellschaftliche Problemzonen wie Schwangerschaftsabbruch, Prostitution, Abtreibung, Kriminalität, Behinderung, Klonen, Korruption, Drogenmissbrauch und Diskriminierung. Oder über häusliche Gewalt gegen Frauen. “Es gibt das Gesetz Maria da Penha, das beschützt dich, wenn dein Mann dich schlägt”, rät dann die Krankenschwester ihrer Freundin, der geprügelten Kantineköchin. Gleichzeitig halten auch die Szenen der Novela an sozial ungleichen Strukturen fest. Hot Dog-VerkäuferInnen werden diskreditiert und Hausangestellte an einen separaten Esstisch verbannt. Die dargestellten Themen richten sich an diverse Zielgruppen und zeugen seit ein paar Jahren in Brasilien vom Aufkommen einer neuen Mittelschicht.

So haben beispielsweise in der Handlung Jugendliche ungeschützten Geschlechtsverkehr und müssen dann mit den Folgen von Aids kämpfen. Der richtige Umgang mit der Natur wird angesprochen, genauso wie das Downsyndrom bei einem Zwillingskind, welches wegen seines Aussehens verstoßen wird (…), der Respekt vor alten Menschen, Blinden, Schwulen und Lesben.

Jens Hildebrandt, “Ganz Brasilien glotzt Globo. Telenovelas in Brasilien – ein Vergleich mit Mexiko”, LIT Verlag

Publikum bestimmt Handlung mit

Das Publikum ist ausgesprochen treu und fiebert stetig mit, wenn SchauspielerInnen neue Intrigen einfädeln und komplizierte Liebesbeziehungen auf die Probe gestellt werden.

Zuschauer können telefonisch oder schriftlich anhand vorgefertigter Möglichkeiten entscheiden, wie Nebenhandlungsstränge weitergehen sollen. Das “gefühlte” Mitspracherecht stellt das Publikum fast auf eine Stufe mit den Darstellern. Dieser psychologische Effekt bindet die Zuschauer noch stärker an das Format, was zum Teil Einschaltquoten von fast 100 Prozent zur Folge hat.

Jens Hildebrandt, “Ganz Brasilien glotzt Globo. Telenovelas in Brasilien – ein Vergleich mit Mexiko”, LIT Verlag

Wenn sich beispielsweise Clara in “Em Família” von der lesbischen Marina abzuwenden beginnt, und es vielleicht doch ein Happy End mit ihrem Verlobten Cadu gibt, dann ersetzt dieser Handlungsverlauf Dutzende brasilianische Umfragen zum Thema Homosexualität. Denn der bei Weitem wichtigste Novela-Sender Globo, auf dem “Em Família” zu sehen ist, adjustiert die Handlung ständig neu – als Reaktion auf parallel zu den Sendungen laufenden Publikumsumfragen. Beim Thema Homosexualität zum Beispiel lässt sich aus den Novelas der letzten Jahre ablesen: Das katholisch geprägte Brasilien öffnet sich dem Thema, aber dass Clara wegen einer Frau einen Mann verlässt, mit dem sie ein Kind hat, das ist wohl doch zu viel der Unordnung.

WissenschaftlerInnen studieren sie gern

WissenschaftlerInnen studieren sie gern, weil sie viel über die Vorlieben und Tabus, die sozialen Verhältnisse und Veränderungen der Gesellschaft aussagen. So zum Beispiel: 

Armbruster, C. (1995). Die Telenovela in Brasilien. Iberoamericana (1977-2000), 19(4 (60)), 48-88. Retrieved March 19, 2020, from www.jstor.org/stable/41671516

Sie beeinflussen die Mode, setzten Wohntrends, kreieren geflügelte Wörter und wecken die Reiselust. Außerdem: Wer nicht guckt, kann nicht mitreden. So einfach ist das.

Referenzen:

Wikipedia: Telenovela
Aventura do Brasil: Die Geschichte der brasilianischen Telenovelas (20. April 2018)
Kleine Zeitung: Warum Brasilien Telenovelas so liebt (6. August 2016)
Die Presse: Noch vor dem Fußball kommt die Novela (6. Juni 2014) 
SRF: Telenovelas in Brasilien - Der Traum vom Aufstieg (6. Januar 2014)
Welt: In Brasilien wird das Fernsehen zur Sucht (31. Januar 2014) 

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